Reisebericht vom Pfad der Selbsterkenntnis | Kapitel 1

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Es war ein verregneter, nasskalter Tag in Berlin, an dem ich meinen Koffer packte. Natürlich war der mal wieder viel zu schwer. Wenigstens konnte ich mich wie schon seit vielen Monaten  auf die erste Reise mit unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern freuen. Noch nie zuvor hatte ich in Bulgarien Urlaub verbracht. Wo liegt das überhaupt? Ich fragte mich was mich wohl erwarten würde und wie unsere Gäste sein würden. Nach der Ankunft in der Stadt Sofia, die in goldenes Abendlicht gehüllt war, fuhr ich gleich ins Hotel. Alles war perfekt. Die Erholung konnte beginnen ... Nach einem nächtlichen Spaziergang unter den Lichtern der bulgarischen Hauptstadt und einem kleinen Abendessen sank ich erschöpft aber erwartungsvoll in den Schlaf.

Die Berghütte von Sitovo

Sich ganz allein in Bulgarien zu orientieren entpuppte sich als viel leichter, als ich es erwartet hatte. Zwar sind für mich kyrillische Buchstaben noch immer ein Buch mit 7 Siegeln, doch zumeist konnte ich mit meinem kleinen englischen Wortschatz und ab und zu sogar mit Deutsch weiterkommen. Die Höflichkeit gebot es jedoch, wenigstens ein paar Worte in der Landessprache zu lernen.
Ich machte mich am Vormittag auf den Weg zum Busbahnhof, um von Sofia nach Plovdiv zu reisen. Plovdiv ist die europäische Kulturhauptstadt 2019 und die zweitgrösste Stadt Bulgariens.

Es wurde immer heißer, 30°C erwarteten mich in Plovdiv. Herrlich. Es fühlte sich an wie Urlaub in Süditalien.
Mit Sofia Markov, meiner guten Freundin und Partnerin, ihrem Vater Peny und unserem Mitko kauften wir auf dem Wochenmarkt noch frisches, einheimisches Obst und Gemüse ein, sowie weitere Rohköstlichkeiten für die Verpflegung unserer Gäste. Dann fuhren wir in wenig mehr als einer Stunde mit dem Jeep zur RawVega-Berghütte oberhalb des Bergdorfs Sitovo, mitten in den Wäldern  des Rhodopen-Gebirges.

Die Fahrt nach Sitovo fühlte sich an wie eine Zeitreise-Safari durch den Urwald Europas. Wir ließen die Stadt hinter uns, die Dörfer wurden immer uriger und die Berge erhoben sich und den Wald immer höher in den Himmel. Wir wanden uns schlangengleich entlang eines reißenden Bergbachs näher an unser Ziel. Immer wieder tauchten Felsen aus der Blätterdecke hervor. Aus ihnen flossen kleine Rinnsale und benetzen den schroffen Stein der Berge, die der Sage nach einst Orpheus zum Weinen gebracht hatte.
Und plötzlich waren wir da. All der Lärm der Zivilisation war mit dem Verstummen des Motors veschwunden. Die RawVega-Berghütte wirkte auf mich wie ein Hobbit-Haus im Auenland. Idyllisch gelegen eröffnete sich mir ein atemberaubender Blick ins Herz der Natur. Ein Gedanke kam mir sofort in den Sinn, als ich mich auf der Wiese vor der Hütte niederließ und in die Ferne sah: Ich bin angekommen – im Hier und Jetzt.
Die Hütte selbst übertraf alles, was ich von einer Berghütte bisher erlebt hatte oder erwarten konnte. Alles war liebevoll eingerichtet und zum Teil handgemacht. Überall Holz, schöne Zimmer, fließend warmes Wasser, eine Dusche, drei richtige Toiletten mit Spülung zum Hinsetzen (!) (was nicht überall der Standard ist, schon gar nicht in Berghütten), einen Kamin, ein Holzofen, eine Küche, Strom, Licht, Wasseraufbereitung ... da blieben wirklich keine Wünsche offen. Ich wünschte ich könnte im schönsten dieser Augenblicke verweilen und das graue Berlin hinter mir lassen.

Im Angesicht des Mondes

Die Nacht senkte sich rasch wie ein Zaubermantel über die Wälder der Rhodopen. Es war eine wohlig warme Sommernacht. Unsere Vorbereitungen für die Ankunft der Gäste waren abgeschlossen. Wir aßen zu Abend, kosteten von den leckeren Kirschen und vernaschten etwas von der Carobcreme. Wir gingen nochmal die Wanderrouten durch und waren gespannt, wie unsere Gäste das alles empfinden werden und genossen diesen stillen und energiereichen Ort der Kraft.
Dann ging ein unbeschreiblich schöner und geheimnisvoll heller Mond auf. Ein Symboltier des Mondes in alten Märchen und Mythen ist ja der Hase. Und ein Name des Hasens ist Meister Lampe. Diese Nacht unter dem hellen Schein des Mondes werde ich wohl nie vergessen ...
Sterne waren in dieser Nacht kaum zu sehen. Luna war die Mutter der Nacht, unter deren Wachsamkeit wir uns geborgen fühlen. Und so beschloss ich, die Nacht in der Hängematte zu verbringen und mich mit dem Mondschein zuzudecken, wissend, dass nichts böses mir widerfahren würde. Ich sank in einen verzauberten Schlaf – glücklich.

Der "Kirschkernkern"

Am Morgen wachte ich unter dem freiem, blauen Himmel auf. Die Morgensonne kitzelte mich als sie über die Bergspitzen stieg. Der Mond hatte aufgepasst, dass ich nicht aus der Hängematte fiel und der kleine plätschernde Bergbach spielte dazu eine uralte Meldodie. Ich wachte gut erholt auf, nur mein Rücken grummelte noch etwas, da er die Matratze in dieser Nacht vermisst hat.
Obwohl ich die Gelegenheit hatte warm zu duschen, gönnte ich mir eine eiskalte Bergquellwasserdusche. Kneipp wäre stolz gewesen.
Das Frühstück nahmen wir im Freien zu uns. Es gab Melonen, Kirschen, Bananen, Trockenfrüchte, Walnüsse, Carob und reines Bergquellwasser. Vegane Rohkost, Bio oder sogar aus dem Garten, mit Wasser aus dem Berg, in der Natur speisen – das ist meine Vorstellung von natürlichem Lebensstil!
Wir hatten noch etwas Zeit bevor wir zum Flughafen in Sofia zurückkehren und unsere Gäste abholen würden. Mitko, ebenfalls ein Teilnehmer unserer Reise und ein Freund von Sofia, zeigte mir nach dem Frühstück noch ein kleines Geheimnis. Er führte mich zu einem Baustumpf und nahm ein paar von den Kirschkernen mit, die beim Frühstück übrig geblieben waren. Mit einem Stein zerbrach er die Kerne. Für mich sehr überraschend kam ein weiterer Kern zum Vorschein, der nicht nur weicher war, sondern auch recht gut schmeckte.
Kirschkerne enthalten, wie vor allem Aprikosenkerne, auch das Vitamin B17, dass den Forschungen von Dr. Ernst T. Krebs 1950 zufolge vor Krebserkrankungen schützen soll. Es kommt darüber hinaus auch vor in Bittermandeln, Schwarzdorn, Nektarinen-, Pfirsich- und Pflaumenkernen, in den Kernen der Weintrauben, in Gerste, Bohnen, Linsen, Hirse, Kichererbsen, Apfelkernen, Macadamianüssen und Kernen von Beerensorten. Ich erinnerte mich auch, dass Zerkauen erst die richtige Wirkung bringt.
Für mich hatte sich ein weiteres Geheimnis der natürlichen Ernährung gelüftet ...

Die Ankunft unserer Gäste

Keine Verspätung – welch ein Glück!

Ein wenig wehmütig verließen wir dieses Bergparadies, um durch große Städte zu fahren und stundenlang im Auto zu sitzen. Wir brachen zu zweit auf und waren rund zweieinhalb Stunden unterwegs, bis wir am Flughafen ankamen. Ich kannte unsere Gäste noch nicht, hatte weder mit ihnen telefoniert noch geschrieben, das hatte Sofia übernommen. Ich war sehr gespannt.
Die Anzeigetafel am Flughafen verkündete: keine Verspätung. Welch ein Glück! Und dann kam auch schon der Anruf und Gilla und Steffi, die mir sogleich beschrieben, wo sie mit ihrem Gepäck auf uns warteten. Schon bei diesem Telefonat war klar: wir werden uns von Herzen gut verstehen. Sie waren beide aufgeregt und gespannt was sie erwarten würde.
Die Rohkostriegel als Begrüßungsgeschenk stimmten sie kulinarisch auf die kommenden Tage ein.
Die Rückfahrt zur Berghütte verging wie im Fluge, da wir uns viel zu erzählen hatten. Die Reise versprach spätestens seit dieser Begegnung ein unvergesslich schönes Erlebnis zu werden.

Steffi und Gilla genossen die Fahrt auch und bewunderten ebenfalls die Landschaft, die an uns vorbeizog. Wir machten halt im Dorf Sitovo. Der Jeep fuhr mit dem Gepäck weiter zur Hütte, so dass wir das letzte Stück zu Fuß gehen konnten.

Angekommen in der RawVega-Berghütte, richteten sich unsere Gäste Gilla, Steffi und Mitko in ihren Zimmern ein. Es war schon dunkel und wir waren von dem langen Tag und der Reise erschöpft. Dennoch ließen wir es uns nicht nehmen ein bißchen Kraft aus der silbrigen Vollmondnacht zu tanken und zu genießen.
Diese Stelle in den Bergen, den Großvater Peny für die RawVega Hütte vor langer Zeit ausgesucht hatte, war ein ganz besonderer Ort. Die Abgeschiedenheit, Stille, die Wasserversorgung mit reinem Quellwasser und der schöne Ausblick waren nur ein Teil des Ganzen. Sofia erzählte uns an jenem Abend von den besonderen Energien hier oben, die schon die Altvorderen spürten.

Mit einem Wildkräuterfrühstück in den Tag

Vorwärts zur Natur, das war nach unserem Erwachen das Motto beim Wildkräuterfrühstück. Sich für das Leben und die Lebensfreude aktiv entscheiden. Wer in und mit der Natur leben will, soll aus der Passivität und Bequemlichkeit hervortreten und selbstständig werden. Wildkräuter und grüne Blätter sind energiereiche, gehaltvolle und kostenlose Nahrung und Medizin. Wir sammelten alles, was wir an essbarem Wildgrün finden konnten und entsafteten uns per Hand einen wirklich starken Morgentrunk. Es ist – besonders für uns Stadtmenschen – ein Gedankenanstoß für einen Schritt in Richtung Naturverbundenheit, wenn wir auch zu Hause, in unserer unmittelbaren Umgebung nach Wildkräutern suchen, sei es im Wald, Park oder Garten.
Wir waren alle sehr gut gelaunt und voll freudiger Erwartung auf den ersten Wandertag.

Die heilige Schrift von Sitovo

Großvater Peny erzählte uns von den Ausgrabungen, den Forschungen und der Bedeutung der Schrift. Die Übersetzung der Zeichen erzählt die mythlogische Gründung der Stadt Sitovo, der Herkunft der Sythen und Vorfahren der Bulgaren:


"Gott sah, wo Helios, der Euren Baum gepflanzt hat, Helios, Eurer Sonnenpriester, der im mächtigen alten Anwesen wohnt, aus der Quelle der Erleuchteten trank und das Brunnenhaus errichtete – das Haus, das einst den Sythen gehörte. "

Frisch gestärkt vom Wildkräuterfrühstück traten wir nun unsere erste Wanderung an. Zum ersten Mal gingen wir abseits der Wege mitten durch den europäischen Urwald. Das Wetter war hochsommerlich bei über 30°C selbst in der Höne von ca. 1500 m. Der Himmel erstrahlte in tiefstem sommerlichen Blau. Wir stiegen behutsam abwärts, überquerten einen Bach, bewunderten Schmetterlinge, Blumen und entdeckten noch ein paar essbare Wildkräuter. Der Wald wirkte vertraut und der Weg nach unten war recht leicht, obgleich kein wirklicher Weg oder eine Straße vorhanden war.
Heute würden wir die uralten Schriftzüge in den Felsen in der Nähe von Sitovo besichtigen. Wir schritten also weiter hinab an den Ursprung unserer Kultur zur Zeit der Thraken und Sythen. Die Thraker waren ein indogermanisches Volk, das den Balkan bereits in der frühen Antike besiedelte. Bisher ging man davon aus, dass die Thraken noch keine Schrift kannten. Dieser Schriftzug mit 50 sogenannten Vinca Zeichen könnte der erste Beweis für das Gegenteil sein und nicht nur das. Die Datierungen haben die Schrift von Sitovo auf ca. 7.000 Jahre geschätzt. Damit wäre sie älter als die ersten sumerischen Schriften und der Nachweis der ältesten bekannten Schrift der Menschheit überhaupt.

Das idyllische Bergdorf

Wir saßen lange Zeit vor dem Felsüberhang mit der alten Schrift und versanken in Gedanken an längst vergangene Kulturen. Um die Gegenwart und uns als Menschen zu verstehen, ist es notwendig zu den Quellen zu gehen ... Nach einer Weile brachen wir auf und wanderten über das Bergdorf Sitovo wieder zurück zur RawVega-Berghütte. Das Dorf erschien uns jetzt vertrauter, da wir nun erahnen konnten, welch tiefe Wurzeln die bulgarischen Kultur hatte.

Das Dorf, einst sehr lebhaft mit über zweitausend Bewohnern, is heute eine unwirtliche Mischung aus wenigen sehr alten und gastfreundschaftlichen Einheimischen und Villenbesitzern. Wir sind einigen Einheimischen begegnet und wurden immer sehr freundlich begrüßt. In den Gesprächen haben wir kaum ein Wort verstanden. So mussten Sofia und Mitko oft genug für uns übersetzen.  Aber es gab ein interessantes Phänomen: Wenn Bulgarisch gesprochen wurde haben wir uns dennoch nicht ausgegrenzt gefühlt. Die Bulgaren sind schon ein tolles, einzigartiges Volk.

Studa Grada – die uralte heilige Stadt

Am frühen Nachmittag trafen wir den Bürgermeister von Sitovo. Das war eine ganz besondere Ehre, dass er sich Zeit genommen hat, um uns an einen Ort zu führen, den nur sehr wenige Menschen zu Gesicht bekommen. Studa Grada ist eine rund 8.000 Jahre alte Ruine einer thrakischen Siedlung, Kultstätte und Rückzugsort der alten Weisen. Der Bezug des Names zu dem süddeutschen Stuttgart ist noch nicht genau geklärt. Überhaupt stehen die Forschungen wohl erst am Anfang.

Der Weg dorthin führte durch einen wunderschönen Märchenwald. Es hätte uns nicht verwundert, wenn uns dort Rotkäppchen oder die sieben Zwerge begegnet wären. Es gibt hier schroffe Felsen, moosbewachsene knorrige Bäume und eine Fülle köstlicher Hagebutten. Der Weg ging zunächst bergauf, dann bergab durch den Wald und um zu den Ruinen zu gelangen, zwängten wir uns durch eine kleine Felsspalte. Oben angekommen bot sich uns ein atemberaubender Ausblick auf die waldbedeckten Rhodopen, die scheinbar bis ins Unendliche reichen; darüber der strahlend blaue Himmel.

sdr

Eine schwer zu erreichende Höhle zog uns in ihren Bann. Hier gab es ein Bett aus Stein. Weise geistige Führer sollen sich hierher zurückgezogen haben, teils über Jahre, so heisst es.
Überall auf dem Berg und an der Höhle wuchs das "Kraut der Unsterblichkeit". Sicherlich steht es in Verbindung mit dem Mythos des Orpheus, der thrakischer Abstammung war.
Dieser heilige Ort liegt auf dem magischen Dreieck dieser Gegend: Sitovo, Studa Grada und die heilige Quelle Ajasmo.
In Studa Grada haben wir erlebt, wie die Zeit für uns stillstand und haben, jeder für sich zurückgezogen, die Tiefe dieses heiligen Orts gespürt.

Pause im Märchenwald

das Kraut der Unsterblichkeit

unvergesslich

glücklich

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