Reisebericht vom Pfad der Selbsterkenntnis | Kapitel 3

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Hoch hinaus

„Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig, ätherische Dämmerung milde zu begrüßen. [...] Hinaufgeschaut! – Der Berge Gipfelriesen verkünden schon die feierlichste Stunde“, diese Worte, die Goethe seinen Faust ausrufen lässt passten auch, als wir am neuen Morgen im Rila Kloster mit dem Ansinnen erwachten, hoch hinauf zu steigen. Wir waren gut erholt, wir tranken das besondere Quellwasser des Klosters, waren innerlich erleuchtet von den Strahlen der Morgensonne in der prunkvollen Klosterkirche und gestärkt von bulgarischen Rohkostsnacks zum Frühstück. Das heutige Ziel war es vom Kloster (1147 m) zur Iwan Wasow Hütte (2300 m) zu wandern, das sind per Luflinie nur 7,7 km und etwa 1150 Höhenmeter. Es sollte die größte Herausforderung unserer Reise werden ...
Auf dem ersten Teil des Weges fühlte sich noch alles wie ein Waldspaziergang an. Es war gerade mal 9 Uhr morgens und 25 C°. Als neues Mitglied unserer Gruppe sollte uns Jenny als professionelle Bergführerin sicher durch das Rila-Gebirge bringen.

Wildes Grün am Wegesrand

Zum Glück hatten wir nur ein leichtes Frühstück, denn am bergigen Wegesrand wartete auf uns eine weitaus größere Auswahl an Wildkräutern als noch in den Rhodopen: Giersch, Brennessel, Taubnessel, Wiesenlabkraut, Gundermann. Rotklee, Beifuß, Spitzwegerich und natürlich die Distel haben uns mit ihrer grünen Kraft gestärkt. Auch unsere Gäste bemerkten, dass die Wildlräuter ihnen eine besondere Form der Sättigung beschert hatten, die gerade für die Herausforderung einer Bergwanderung wie geschaffen war. Denn einerseits gab es kein Heißhungergefühl und diese „leichte, zelluläre Sättigung“ ließ uns auch unbeschwerter vorwärts kommen. Noch dazu wuchs all das kostenlos am Wegesrand.

Bewußtsein für das Schöne

Der Wald wurde von Stunde zu Stunde immer lichter. Knorrige uralte Baumstämme wichen dünnen Nadelhölzern und Sträuchern. Schließlich waren wir umgeben von leuchtend bunten Blumenwiesen. Jede Blume wirkte wie ein einzigartiges Universum inmitten dieses Mikrokosmos. Kleine exotische Käfer, Bienen und andere Insekten krabbelten und flogen durch dieses Meer der Farbtupfer. Mir wurde durch diesen „Pfad der Selbsterkenntnis“ erst richtig bewußt, wie schön die Welt in der wir leben eigentlich ist.

Innehalten

„Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten, bis unsere Seelen uns wieder eingeholt haben.“ An diese indianische Weisheit musste ich zuweilen denken, wenn wir Halt machten, um uns auszuruhen. Der Weg verhalf uns zu mehr Bewußtsein und Klarheit und die Pausen gehörten natürlich auch dazu. Sie waren aber mehr als nur Ausruhen von einer unvermeidlichen Strapaze. Vielmehr waren es Momente des Innehaltens und Bewundern dessen, was um uns wahrzunehmen war und was in uns passierte. Der Prozess des Sich-bewusst-werdens findet auf unterschiedlichen Ebenen statt. Im Äußeren, im Inneren, in der Bewegung und in der Ruhe, im Bewußten, ja selbst im Unbewußten. Dieses Innehalten sollten wir uns auch im Alltag wieder aneignen. Flaubert schrieb dazu: „Immer, wenn ich mitten im Alltag innehalte und gewahr werde, wie viel mir geschenkt ist, werden die zahllosen Selbstverständlichkeiten zu einer Quelle des Glücks.“ An ein Wort, dass sich in solchen Momenten des Innehaltens immer wieder in mein Bewußtsein drängte, kann ich mich noch gut erinnern: Danke. Ich empfand große Dankbarkeit für den Weg, den ich zurückgelegt hatte, für die vielen bunten Blumen, die fleißigen Insekten, die Aussicht auf die stolzen Berge und für die freundschaftliche Gemeinschaft, die uns Zusammenhalt und Rücksichtnahme auf so spielerische Art und Weise lehrte. Danke!

Lebensquell

Wir waren nun schon einige Stunden unterwegs und sehr viel langsamer, als geplant. Das hatte zur Folge, dass unsere Wasservorräte langsam zur Neige gingen. Zwar hatten wir noch am Kloster alle Trinkflaschen gefüllt, doch waren wir durch den streckenweise immer steiler werdenden Aufstieg und die warmen Temperaturen recht durstig geworden. Da wurde mir bewußt, wie wertvoll Wasser eigentlich ist. Selbstverständlich gab es keinen Supermarkt, keinen Kiosk und kein Café in den Bergen. Wasser gibt es nur in den im Gang der Jahreszeiten und Jahre stetig anders verlaufenden Bergbächen. Wir wussten also nicht, wo die nächste Wasserquelle sein würde. Glücklicherweise mussten wir nur um die nächste Kurve biegen, als endlich ein kleiner Bergquell unseren Weg kreutzte. Mensch, was waren wir da glücklich. Wir wuschen uns, tranken voller Dankbarkeit das reine Wasser und füllten unsere Flaschen wieder auf. Wir wurden uns der tausend kleinen Glitzersonnen gewahr, die auf der Wasseroberfläche tänzelten und hielten kurz inne, bevor der Aufstieg weiter ging.



Pfad der Selbsterkenntnis

Warum haben wir diesen Namen für die Wanderung gewählt? Die vegane Rohkost und das Quellwasser lässt unser Bewußtsein die schwülen Nebel der Zivilisation durchdringen und wirkt wie ein reinigendes Sommergewitter. Mit der wiedererlangten Klarheit finden wir uns in einer ursprünglichen Naturlandschaft wieder, deren Schönheit und Erhabenheit uns im kleinen und großen auf allen Ebenen des menschlichen Daseins anspricht. Je weiter wir uns von der Zivilisation entfernten, je höher wir auf den Berg stiegen, je weiter entfernten wir uns vom Tal mit seinen Sorgen und Ängsten und unseren unbedeutenden Streitigkeiten. Alte Strukturen lösten sich auf. Der Kopf und das Herz wurden frei. Hinzu kommt die Bewegung, die körperliche Leistung, die uns Konzentration und Willenskraft abverlangt. Der Berg, die Natur selbst lädt uns ein uns selbst zu erkennen und immer neue Perspektiven einzunehmen. Diese Tiefenerfahrung und Selbsterkenntnis kann nur die Natur vermitteln. Kein Film, keine Therapie und keine Ausbildung ist dazu in der Lage. Wir müssen uns nur für die Natur entscheiden. Ein natürliches Leben kann zwar auf dem Teller anfangen, aber es kann nur mit und in der Natur zur Entfaltung kommen.

Erhabenheit

Die Bäume waren nun endgültig verschwunden, nur noch Gras, Moose und Flechten bedeckten die Berge. Hier und da sahen wir kleine Bäche und Wasserpfützen. Selbst im Juni war noch nicht aller Schnee geschmolzen. Einen Schneeball zu werfen konnten wir uns nicht verkneifen... Längst tauchte die Nachmittagssonne die Urlandschaft des Rila Gebirges in goldenes Licht, als plötzlich Wolken aufkamen, zum Greifen nahe. Schließlich waren wir ja schon recht weit oben, nahe der Wolkengrenze. Schnell wechselten wir unsere Kleidung, so dass wir vor dem drohenden Regen geschützt wären. Unglaublich, wie rasch sich hier oben die Wetterverhältnisse ändern können. Das Licht wurde immer dramatischer: Die sinkende Sonne auf der einen Seite, die dräuenden Wolken auf der anderen Seite. Doch die Berge, deren Gipfel teils verhüllt waren in Nebel und Wolken, beeindruckte dies wenig. Diese Erhabenheit war überwältigend. Diese innere Harmonie ist das Ziel. Hier war der innere Ort von Stille und Klarheit erreicht. Plötzlich fühlte ich: Alles ist möglich!

Am Ende Ivan Vasov – Der Weg war das Ziel

Für die Wanderung vom Rila Kloster bis zur Ivan Vasov Berghütte benötigt man normalerweise siebeneinhalb Stunden. Nicht alle Menschen haben den gleichen Rhythmus und so haben wir mit allem Innehalten und Ruhebewahren drei Stunden länger gebraucht. Als wir den letzten Bergkamm überschritten und in der Mitte der Hochebene die älteste Berghütte Bulgariens (gebaut 1939) mit dem Namen Ivan Vasov erblickten, wurden die Füße wieder etwas leichter und die Gemüter hoben sich. War das eine große Freude. Dies ist der Moment auf einer Wanderung, der äußerste Konzentration verlangt. Denn nach einem so langen Marsch überschätzt man sich gern. Der Kopf will mehr als die ungeübten Gelenke durch das viele Sitzen am Schreibtisch und auf der Couch noch in der Lage zu leisten sind. Man möchte gern schnell in die Hütte, an den Tisch und ins Bett, doch auch hir gilt: In der Ruhe liegt die Kraft.
Unversehrt kamen wir alle an, zogen unsere Wanderschuhe aus und richteten unser Nachtlager ein. Zuvor aber setzten wir uns gemeinsam an einen Tisch und tranken einen wohlverdienten Tee. Kein Rohkost-Tee zwar, aber unvermeidlich gut.
Vor dem zu Bett machte ich noch eine kleine Runde um die Hütte, auf welcher mir noch ein Pferd und eine Katze begegneten. Nur ein Schnarchkonzert der anderen Gäste verzögerte den Moment des Einschlafens noch ...





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