Reisebericht vom Pfad der Selbsterkenntnis | Kapitel 4

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Wildpferde und Krokusblüten

Der Pfad der Selbsterkenntnis steckte noch in den Knochen, als wir aufstanden. Wegen einer Schlechtwettermeldung drängte uns jedoch die Zeit und wir brachen zügig auf, um noch vor dem Unwetter die nächste Berghütte zu erreichen. Wir durchschritten also abermals das große Tal von Ivan Vasov, das wie ein Teil von Mittelerde aussah.
Im vergangenen Jahr bei den Filmaufnahmen des Trailers zur Reise, haben wir hier an einem kleinen Bach eine Moossorte entdeckt, die intensiv nach Möhre schmeckt. Und so suchte ich erneut nach dem leckeren Möhrenmoos – doch vergebens. Entschädigt wurden wir durch viele kleine lila Krokosblüten, die die in der Sonne glitzernden Bächlein säumten und sich dem Himmel entgegenstreckten. So war unser Blick zunächst auf den Boden gerichtet. Doch als wir unsere Köpfe erhoben, sahen wir in einiger Entfernung eine Herde Wildpferde mit ihren Fohlen grasen. Wir näherten uns vorsichtig und bestaunten die wilden Tiere. Dafür hatte sich das frühe Aufstehen wirkich gelohnt.

Im Nebel ruhet noch die Welt

Schon sahen wir am Horizont über dem Bergkamm Wolken und Nebel aufsteigen. Man hätte meinen können, der Himmel spiegele unsere Stimmung. Lieber nochmal zurück ins Bett? Nein, wir waren bereit, unseren Weg zu nehmen und gingen weiter, mit Regenkleidung und Wanderstöcken. Auf dem Bergkamm betrug die Sicht keine 20 Meter. Wir blieben dicht beisammen und es wurde kaum geredet. Es war wie unwirklicher Traum. Spätestens jetzt waren wir überglücklich, dass wir eine so erfahrene und zugleich sympathische Bergführerin in unserer Mitte hatten. Allein wären wir hier verloren gewesen. Jenny führte uns jedoch sicher durch nasskalte Nebel, widrige Winde und klirrende Kälte. Dann kamen wir an. Am Gipfel, am Punkt mit der schönsten Aussicht auf die sieben Rila Seen. Dies sollte der heutige Höhepunkt der Wanderung sein, doch soweit das Auge reichte, sahen wir nur Nebel und Wolken.

Die 7 Rila Seen

Der kalte Wind blies uns unsanft ins Gesicht und zerwühlte mir die wenigen, verbliebenen Haare auf meinem Kopf ... Unsere Blicke verloren sich im Grau des Nebels. Dennoch war es ein Abenteuer und wir mittendrin. Und dann geschah das Unglaubliche: für wenig mehr als eine Minute verzogen sich Wolken und Nebelbank und der Blick wurde frei auf die sieben heiligen Rila Seen. Mir kamen die Worte von Schillers Bürgschaft in den Sinn: „Und ein Gott hat Erbarmen.“
Die Namen der Seen sind ihrer jeweiligen Form und Charakteristik geschuldet: Der höchste See wird „Träne“ (Salsata) genannt, da sein Wasser so kristallklar ist. Weiter unten folgt das „Auge“ (Okoto) – mit einer Tiefe von 37,5 m. Seine ovale Form und tiefblaue Farbe haben ihm diesen Namen verliehen. Als nächstes erreicht man die „Niere“ (Babreka). Dernach folgt der „Zwilling“ (Bliznaka), der in der Mitte verengt ist und in wasserarmen Jahren zu zwei kleineren Seen austrocknet. Weiter unten befinden sich das „Dreiblatt“ (Trilistnika) und der Fischsee (Ribnoto Ezero). Der tiefstgelegene See ist einfach der „Untere See“ (Dolnoto Ezero). Alle Seen sind durch schmale Abflüsse miteinander verbunden.
An einigen Seen gab es noch winterliche Reste von Eis und Schnee. Je weiter wir zu den Seen hinabstiegen, desto mehr lichtete sich die düstere Wolkendecke und die Strahlen der Sonne brachen sich Bahn. Dieses Naturschauspiel des Wetterwechsels war eine reichhaltige Belohnung an diesem schönsten Ort des Rila Gebirges.
Hier trennten sich unsere Wege: während Sofia und Jenny den ganzen Weg zurück zu den Autos wanderten, gingen Steffi, Gilla, Mitko und ich weiter Richtung Tal. Wir machten erstmal eine zweistündige Pause mit einem rohköstlichen Lunch und aßen von den mitgebrachten Nüssen, Riegeln, Crackern und Obst. Wir saßen im Hier und Jetzt und ließen die Wirklichkeit des Ortes auf uns wirken.
Am Ufer der „Niere“ liefen wir über einen großen Platz, auf dem kreisförmig weiße Steinen aufgestellt sind. Hier treffen sich alljährlich am 19. August die Anhänger der weißen Bruderschaft. Der Gründer dieser Gemeinschaft, Petar Danov, ein spiritueller Führer (1864-1944), feierte an diesem Tag das Göttliche Neujahr mit tausenden tanzenden Menschen.

Ein Königreich für einen Sessellift

Wir hatten bereits eine große Strecke hinter uns gelassen und die Wanderungen der vergangenen Tage haben uns echt viel Spaß gemacht, trotz der körperlichen Herausforderungen und den Launen des Wetters. Und sicherlich hätten wir es auch noch bis zur Hütte geschafft. Als wir aber die Seesel-Lift-Station erreicht hatten, war uns allen klar, dass die Reise nun in schwebender Fahrt weitergehen musste. Diese 20 Minuten Fahrt, sitzend mit einem unbeschreiblich schönen Ausblick, waren ein wirkliches Geschenk des Himmels.

Vom Blätter-Äsen und Naturpyramiden

Wildkräuter gibt es nicht nur an der RawVega-Hütte. So suchten wir uns wann immer es ging das stärkende Grün. Direkt neben unserer neuen Berghütte gab es einen wilden Kräutergarten, wo wir uns versorgen konnten. Und dann waren da noch der junge Birkenbaum, dessen Blätter ausgesprochen schmackhaft waren. Dieses „Gruppen-Äsen“ war wohl für Außenstehende ein seltsam anmutendes Ereignis.
Heute machten wir noch einen kleinen Ausflug zu den Stob Pyramiden. Eine bizarre Spielerei der Natur aus Sandstein. Der Ausblick war schön, aber es war unglaublich heiß und der Hügel sehr beschwerlich zu besteigen. Wir waren froh wieder unten zu sein, um uns mit Kirschen und Melonen zu erfrischen ...











Rückkehr ins Kloster

Unseren Gästen war es ein Herzenswunsch noch eine Nacht im Rila Kloster zu verbringen und dem morgendlichen Gottesdienst beizuwohnen. Daher änderten wir unsere Pläne und kehrten erneut in die heiligen Hallen ein. Auch wenn uns der Ort bereits etwas vertraut war, genossen wir die Ruhe und Geborgenheit, die er ausstrahlte. Es ist zugleich auch eine Art Hotel mit vergleichsweise komfortablen Zimmern. Für einen längeren Aufenthalt mit Tagesausflügen ist es sehr gut geeignet, um den Alltagsstress zu vergessen. Ich freue mich schon, die Klostermauern auch in diesem Jahr wieder zu sehen.






Waldpicknick am rauschenden Bach

Unser letztes gemeinsames Essen sollte uns in Erinnerung bleiben. Ganz in der Nähe des Klosters wand sich ein weiterer Bergbach durch den idyllischen Wald. Dort standen ein paar Holzbänke und Tische. Sofia und Jenny packten Wasser- und Honigmelonen aus, die sie als Abschiedsüberraschung mitgebracht hatten. Und was soll ich sagen, das hat richtig gute Laune gemacht, so ein Waldpicknick unter Freunden. Mit der schwindenden, wärmenden Abendsonne wurden auch die Schatten länger und so packten wir alles zusammen. Selbstverständlich ließen wir keinen Müll zurück, auch darauf achten die Bulgaren sehr, und brachen auf zu unserem letzten Abenteuer.

Die Höhle des Ivan Rilski

Ivan Rilski war der erste bulgarische Einsiedlermönch und der Gründer des größten bulgarischen Klosters, des Rila Klosters. Er trägt auch den Namen Himmlischer Beschützer Bulgariens und Wundertäter aus dem Rila. Im frühen Mittelater (876 n. Chr.) geboren, zog er sich aus Protest gegen den staatlichen und moralischen Verfall in die Abgeschiedenheit des Rila Gebirges zurück. Er betrachtete das Leben in der Einsamkeit als einen Weg zur Vervollkommnung und als eine Möglichkeit des Kampfes gegen die Missachtung der hohen, moralischen Werte des wahren Christentums. Die Grotte des Heiligen Ivan ist noch heute zu besichtigen. Hierhin zog er sich oft sehr lange zurück. Für uns Reisende war es eine große Ehre diesen Ort zu sehen und auf uns wirken zu lassen. Der Weg dorthin führte durch einen weiteren Märchenwald mit moosbewachsenen Steinen und Wurzeln. Angekommen in der Grotte, in der lediglich eine Kerze brannte, kehrte wieder Ruhe und Schweigen in unsere Runde ein. Diese Stunden der Einkehr und Besinnung nutzte jeder von uns auf seine Weise. Zuerst schrieben wir unsere innigsten Wünsche auf ein Stück Papier und steckten es zwischen die Steine – ein alter Brauch – und während die anderen sich unterhielten oder im Kloster verweilten stiegen Steffi und ich den Weg von der Grotte bis zu einem sehr abgelegenen Felsvorsprung auf und saßen dort schweigend nebeneinander und nahmen die Berge, den Wald, den Wind und das Rauschen der Blätter und fernen Bäche in uns auf. Es war für mich der schönste Moment dieser Reise.

Eine neue Perspektive

Der Tag der Abreise brach nun an. Die neue Sonne des letzten Tages weckte mich früh und nachdem ich meinen Rucksack gepackt hatte, ging ich in den großen, fast menschenleeren Klosterhof. Da begegnete ich Jenny, unserer Bergführerin, die ebenfalls die frühe Morgenstunde genoss. Da noch etwas Zeit war, beschlossen wir, die unmittelbare Umgebung der Klostermauern zu erkunden. Wir kletterten also wagemutig den steilen Hang hinauf, ließen Warnschilder und Begrenzungszäune hinter uns. Und dann, als wir aus dem Wald traten, eröffnete sich eine beeindruckende, neue Perspektive auf das uralte Kloster. Und endlich entdeckte ich auch die Panoramafunktion an meiner Handykamera ...
Wir erlebten gemeinsam eine Reise in die Urzeit unserer Seele. Dorthin, wo die Natur uns an einen inneren, einen ursprünglichen Ort von Stille und Klarheit geführt hat. Alte Strukturen hatten sich aufgelöst. Sorgen und Ängste verschwanden wie die düsteren Wolken und der Nebel über den Rila Seen. Wir hatten jetzt neuen Mut geschöpft, unser Leben aus einer inneren Perspektive neu wahrzunehmen, eine harmonische Ordnung zu finden – einfach zu uns selbst zu gelangen. Wir waren im heilsamen Hier und Jetzt. Dankbar nehmen wir es an: Alles ist möglich.

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